Liebe Jetztschon-Liebhaber, wir mussten bereits nach wenigen Postings feststellen, dass die Idee des Zweisaitenblogs eine andere ist und war als die meines urpersönlichen Schreibbedarfs. Der Lyriker, das Fieberherz in mir verlangt nach eigenen Wegen, die Doppelwelt von Ana und mir mag davon nicht durcheinander gebracht werden. Mit Gedeihen dieses Blogs werden greifbarere Dinge anskizziert werden, und vielleicht ist der Platz einfach zu eingegrenzt für meine mit Atemlosigkeit, Funkenflug und gewissen Ismen zwischen „surreal“ und „spirituell“ angereicherten Alltagsskizzen. Nichts desto trotz freue ich mich über die geneigte Leserschaft, denen neben den zweisaitigen auch meine Innen- wie Außenreflektionen gefallen. Deshalb herzlich willkommen auf meinem Fieberherz -Blog!
Neid schmeckt fad und bitter

Ich komme gar nicht umhin, in Zeiten emotionaler Spitzenauslastungen dieses so vielfältige “Konstrukt” von Gott zu reflektieren. Was sollen mir komprimierte Berg-und-Tal-Fahrten sagen? Während ich aus dem einen Tal aufgrund unerwarteter Wendungen in ungeahnte Höhen der Frischluft geholt werde, wird schon zum nächsten Sturm aufgeblasen. Im Auge des Sturms wütet Neid.
Seit drei Jahren lenke ich als ehemaliger Hauptinitiator eine familienrechtliche Gleichstellungsinitiative. Seit einigen Monaten gehört ihr in einer neuralgisch wichtigen Universitätsstadt ein hochaktives Mitglied an, welches Frische einbringt, sein Tun hinterfragt, von Anbeginn Studien, Interdisziplinarität und Mäßigung als Handlungsgrundlage versteht und darüber hinaus nicht davor scheut, in der Öffentlichkeit aufzutreten.
Nun liegt es nicht jedem, auf die Bühne zu gehen. Es gibt Rampensäue, denen jeder Zuschauer das persönliche Koks bedeutet, es gibt Stille, die es hassen, vor zig Augenpaaren aufzutauchen und es gibt Gemäßigte, die Freude daran haben. Ich zähle besagtes Mitglied zu letzterer Gruppierung. Und spätestens an der Öffentlichkeit des Einen kann man dann oftmals auch schon den Neid der Anderen ermessen. So auch in meinem Erfahrungskosmos. Kaum, daß ein umfangreiches wie öffentlichkeitswirksames Spendenprojekt zugunsten sozial schwacher Familien auf die Beine gebracht und gepostet wird, erfolgt der “Shitstorm” einer Gruppe Nichtaktiver, die zum Sturm blasen, den Verein hinter der Einzelpersonen gleich mit angreifen, weil eben jener nicht nur Privatperson, sondern auch aktives Mitglied ist und dessen Erfolg und Auftreten offenbar eine gewisse Polarisierung provoziert.
Wie geht man aber mit anheizenden Kommentaren der Häme und Mißgunst um, wie mit Telefonaten, die in ihrer Aufgebrachtheit nur Ventilsuche, Kompensierung und Fremdschuldsuche darstellen? Ignorieren? Löschen? Abrupt beenden? Aus Sicht der “Ausgegrenzten” alles falsch. Ein Opfer muß her, eigentlich egal welches. Aus meiner Sicht: no way. Löschen ist nicht okay, Telefonate blanken Zorns abbrechen auch nicht, aber fremde Schuldgefühle ins Maul stopfen lassen? Ebensowenig.
Wartezimmeratmosphäre
Noch bevor diese Blog-Spielwiese ihrer eigentlichen Bestimmung entgegenwuchert, nämlich dem Spannungsfeld dualer Weltentdeckung durch Frau und Mann (zwischen Mikro- und Makrokosmos, Skizze, Fotorealismus und Reisetagebuch); Frau also derzeit noch Kräfte sammelt, während mich regelmäßig das Jucken in meinen Fingern überwältigt, spüre ich der Wartezimmeratmosphäre nach. So quasi zwischen knarzender Türe, summender Neonlampe, blätternden Mitpatienten, tastaturklackernder Sprechzimmerhilfe und müdem Fliegengesumm. Oder diesem grenzwertigneuen Gefühl vergewaltigter Privatsphäre, welches die heutige Erkenntnis auslöste, daß mein Auto gestohlen wurde.
Leben heißt sammeln

Leben heißt sammeln, sammeln heißt jagen. Die genaue Zahl hab ich leider vergessen (Daten sammeln ist nicht meine Stärke (zu viel Verwaltungsaufwand)), aber es heißt wohl, im Durchschnitt haben Mitteleuropäer um die 15.000 Dinge. Sammeln erzeugt so ein hübsches warmes Gefühl. Der sammelnswerten Dinge gibts ne Menge: Lines, Drinks, Pillen, Punkte in Flensburg, Puppen, Müll, Katzen, exotische Haustiere, Briefmarken, Kunst und Krempel, Tore, Klamotten, sexuelle und sonstige Erfahrungen, in einkommensstarken Schichten Auto’s, Häuser und/oder Yachten.
Vom fragwürdigen Moralgehalt des Tieresammelns abgesehen: mir ist noch keine Studie bekannt, die Sinn und Gewinn des Ansammelns verstopfender, verstaubender Dinge erschöpfend beantwortet hätte. Muß wohl irgend so ein Psycho-Kompensierungsding sein. Und wir alle – wenn wir uns nicht gerade Ökopuritaner nennen – tun es.
Ich hab die Phase hinter mir, in der ich mich jahrelang von kleinen Skulptürchen und kleineren Glücksbringerchen finden, überwinden und/oder entmachten ließ. Nichtsdestotrotz – ich hab die gesammelten Dinge gewaltig lieb, jedes hat seine eigene Geschichte. Unvorstellbar, mich davon zu trennen. Warum ich das alles erzähle? Weil ich erst, wenn ich mir den Verlust meiner lebensbereichernden Schönigkeiten vorstelle, auch nur annähernd erklären kann, warum frau eine derartige Menge an Kosmetik (wahlweise Handtaschen und/oder Schuhe) wie im Bild ihr Eigen nennen kann.
Treibsand

Unausgesprochene Worte werden mitunter zu Treibsand. Es gibt so vieles im Leben, daß keiner Worte bedarf, so vieles auch, daß der Geist nicht erfassen will oder kann. Doch irgendwo da drinnen im Gefühlsgefüge gibt es diesen schmalen Grat in der Definitionszone von Nähe, dieses komplizierte Spiel darum, welches Schweigen zu Erosion gerinnen läßt, zu Treibsand zwischen zwei Polen. Zu späte Offenbarungen in gegenwirksame Träume und innerste Untiefen, die ein Eigenleben entwickeln und unbewußt wie ungewollt den Gegenpol in Schwingung versetzen, das Selbstverständnis in Frage stellen oder gar schmerzhafte Lücken reißen können.
Leidenschaft

Was sind Dinge wie Leidenschaft, Sehnsucht oder Be/Gier/de eigentlich – irgendwelche Impulse zwischen Botenstoffen, mechanischem Vorgang und Verwaltungsakt in der Zellstruktur? Wer legt fest, mit wieviel Leidenschaft man ein Leben ausfüllt und sich selbst verwirklicht? Oder, ob man die innere Flamme weiter füttert oder unter Alltagsgrau bestattet?
Ich muß allmählich erkennen, daß ich nur reibungslos funktioniere, wenn die Dinge ein gewisses Glühen aufweisen. Nicht so halbherzig dahergetan, das funktioniert nicht. Die Flamme in diesen Dingen teilt sich fast automatisch, man schließt Menschen tief in sein Herz, deren Gedankenwelt, Körperselbstverständnis oder Emotionen lange nachklingen, entflammt an deren Ideen, deren Fluß, deren Seltenheit.
Klar ist Leben anstrengend und schmerzhaft. Aber es macht auch süchtig. Und irgendwie wird mir immer verständlicher, weshalb ich mich mit leidenschaftslosen Menschen so schwer tue.
Tagundnachtgleiche

Die Feiertage rauschen über mich hinweg. Für mich, zwischen 3 Städten, 4 Schlafstätten und damit Tochter, Familie, Freunden und weiblicher Tiefe pendelnd, logistisches Gehirnjogging; voll von Heimatgeruch, Lachen und Waldboden.
Vorbei bald die Weihnachtsfeiertage, Silvester kündigt sich an, Reinfeiern bei einem Freund. Mein Schlafdefizit verlängert sich zwischen Single Malt und geistigen Flugstunden.
Ich bin verabredet noch, halte mich hinterm Überflug der Gäste zurück. Am späten Abend eine letzte SMS noch, meine Verabredung ist da. Fast ein dreiviertel Jahr nicht gesehen, wenige Telefonate dazwischen, wo ist die Zeit hin? Wir fahren was trinken, Erdung, Austausch der Lebenssituationen und Innenwelten, Parallelen aufspüren. Kompliziertes unstetes Leben bei Dir wie bei mir, an zwei Orten, in zwei verschiedenen Gefühlswelten der Heimatsuche. Die ewig alte Frage taucht auf, wie man Liebe lebt, welcher Entwurf der richtige ist. Von Verbindlichkeiten frei, als Genußmittel und sonnige Insel zwischen Wochen des Alleinflugs? Oder Alltag teilen, Familie gründen, Freiheit gegen Nestwärme tauschen? Eine Antwort ist ungewiss, kein Treffer paßt auf eines unserer Leben, wenngleich mich gewisse Parallelen schlicht erstaunen.
Es ist zu kalt für Sekt im Park, der Abend neigt sich, aus dem Dunkel kommt ein “Gute Nacht”, irgendein grusliger Spanner. Ein Igel vertieft uns noch in kindliches Staunen, im Gedanken an den Geruch von Heimat und Gleichklang verabschieden wir uns schließlich einmal mehr in unsere entfernten Leben zurück.
Weihnachtswald

Weihnachtsfamilienessen im Bauch, mein imponierwilliges Töchterchen im Durcheinander fläziger Streitcousins. Irgendwie haben wir sie doch dazu bekommen, einen Familienwaldspaziergang zu machen. Durchatmen, für mich das Nachspüren vermißter Heimatwege. Es riecht fruchtbar im nassschlafenden Wald, meine Emotionen sind rankende Schleier, deren Summe ich nichtgreifen kann. Da ist Vermissen, da ist Heimatfriede, Wegsuche, Ehrgeiz, Erfüllung, Teilsein auch und Ungewißheit, Unvollständigkeit, Suche, die Frage nach Dir, mein Vaterherz…
Bruchkantentage

Ein feiner Haarriß wurde dieser Tage spürbar, vielleicht auch nur überzogenen Empfindungen geschuldet. Wie ein Umbruch unserer Emotionen. Entfremdung vom Fluß, plötzliche Holprigkeit, Befangenheit.
Zeitgleich mit meinem Fremdeln konnten wir Teil eines Flusses sein, der einmal mehr nachhaltig auf mich wirkte. Zu Besuch bei “Komm in die Gänge!” im Hamburger Gängeviertel, einer Melange aus Vernissage, Installation, Showroom und Party. Jede Menge alternative (Lebens)Künstler, jede Menge Input und neue Inspirationen auch für uns beide. Die Bruchkante: besagtes Gängeviertel, um dessen werterhaltende Selbstverwaltung versus Gentrifizierung ein wachsendes Alternativnetzwerk kämpft, ist umringt von Hochglanz und Luxussanierung. Schon auf der anderen Straßenseite stehen die Monster des Kapitals, schon zwei Fußgängerampeln weiter hetzen bewußtlose PorschefahrerInnen durch HighEnd-Kaufhäuser, daß sich der Magen umdreht.
Geplant und leider untergegangen: Dein Versuch, mir den Weihnachtsglanz Hamburgs ins Gemüt zu streicheln. Nichts desto trotz danke ich Dir für diesen anfangs fremden Tag, für Kunst, Hochglanz, Feuerzangenbowle und die Begegnung mit einer Freundin, die wie so viele überhaupt nicht (mehr) weiß, wie ihr Platz in dieser Welt aussehen kann oder soll.
